Nordische Mythologie: Götter, Welten und Mythen im großen Überblick
Das Wichtigste in Kürze
- Die nordische Mythologie ist die Welt der Götter, Riesen und Helden der vorchristlichen Skandinavier.
- Unsere wichtigsten Quellen sind die Lieder-Edda und die Prosa-Edda aus dem Island des 13. Jahrhunderts.
- Die Welt entsteht aus dem Körper des Urriesen Ymir, in der Mitte steht der Weltenbaum Yggdrasil.
- Es gibt zwei Göttersippen: die Asen um Odin und Thor und die Wanen um Njord, Freyr und Freyja.
- Am Ende steht das Ragnarök, der Untergang, und danach eine neue Welt.
Die nordische Mythologie ist die Götter- und Sagenwelt der Menschen in Skandinavien vor ihrer Christianisierung. Sie erzählt, wie die Welt aus Eis und Feuer entstand, wie Odin, Thor, Freyja und die anderen Götter gegen die Riesen kämpfen und wie alles im Ragnarök untergeht, um neu zu beginnen. Die meisten Geschichten kennen wir aus zwei isländischen Büchern des 13. Jahrhunderts. Unten findest du Quellen, Götter, Welten und Mythen im Überblick, dazu die Stellen, an denen die Überlieferung unsicher ist.
Inhalt: Was ist sie? · Quellen · Schöpfung · Die neun Welten · Die Götter · Riesen und Zwerge · Jenseits · Ragnarök · Glaube im Alltag · Was weiterlebt · Faktencheck · FAQ
Was ist die nordische Mythologie?
Die nordische Mythologie ist der am besten überlieferte Teil der germanischen Mythologie: die Erzählungen über Götter, Riesen und Helden, an die man in Skandinavien vor dem Christentum glaubte. Viele ihrer Götter wurden in ähnlicher Form auch auf dem Kontinent und in England verehrt: Odin hieß dort Wodan oder Woden, Thor Donar oder Thunor, Frigg Frija. Ausführlich aufgeschrieben wurden die Geschichten aber nur im Norden, vor allem in Island.

Ein heiliges Buch, feste Lehren oder eine Priesterhierarchie gab es nicht. Erzählungen und Bräuche unterschieden sich von Region zu Region und über die Jahrhunderte. Was wir heute „die“ nordische Mythologie nennen, ist vor allem die isländische Fassung aus dem Hochmittelalter.
Woher kennen wir die nordische Mythologie?
Wir kennen sie vor allem aus der Lieder-Edda und der Prosa-Edda, ergänzt durch Skaldengedichte, Sagas, fremde Berichte und archäologische Funde.

| Quelle | Zeit | Inhalt |
|---|---|---|
| Lieder-Edda | Handschrift um 1270, Gedichte teils viel älter | Götter- und Heldenlieder wie Völuspá, Hávamál, Thrymskvida |
| Prosa-Edda | um 1220, Snorri Sturluson | Lehrbuch für Dichter mit zusammenhängender Darstellung der Mythen |
| Skaldengedichte | 9. bis 13. Jahrhundert | Preisgedichte mit vielen Anspielungen auf Mythen |
| Sagas | 13. und 14. Jahrhundert | Familien, Könige und Helden, mit Hinweisen auf Glauben und Bräuche |
| Saxo Grammaticus | um 1200 | dänische Geschichte auf Latein, Mythen oft umgedeutet |
| Fremde Berichte | 1. bis 11. Jahrhundert | Tacitus, Ibn Fadlan, Adam von Bremen |
| Archäologie | laufend | Bildsteine, Amulette, Gräber, Kultstätten, Runensteine |
Die Schwierigkeit: Die wichtigsten Texte entstanden erst 200 bis 300 Jahre nach der Christianisierung Islands, ihre Verfasser waren Christen. Snorri Sturluson wollte die alten Mythen für die Dichtkunst bewahren, deutete die Götter aber zugleich als Menschen aus Troja. Forscher vergleichen die Texte deshalb mit archäologischen Funden.
Wie entstand die Welt in der nordischen Mythologie?
Die Welt entsteht aus dem Körper des Urriesen Ymir, den Odin und seine Brüder töten, so erzählt es Snorri in der Gylfaginning. Am Anfang gab es die große Leere Ginnungagap, im Norden das eisige Niflheim, im Süden das feurige Muspelheim. Wo Eis und Feuer aufeinandertrafen, entstanden er und die Urkuh Audhumla. Sie leckte aus salzigem Eis den Urahnen der Götter frei, Buri. Dessen Enkel Odin, Vili und Vé töteten Ymir und schufen aus seinem Körper die Welt: aus dem Fleisch die Erde, aus dem Blut das Meer, aus den Knochen die Berge, aus dem Schädel den Himmel.
Am Strand fanden die drei Brüder zwei Baumstämme und schufen daraus das erste Menschenpaar, Ask und Embla. Ausführlich erzählen wir das in Ymir, der erste Riese.
Was sind Yggdrasil und die neun Welten?
Yggdrasil ist die Esche im Zentrum der Welt, die neun Welten sind die Reiche von Göttern, Menschen, Riesen und Toten. Die Völuspá spricht von neun Welten, zählt sie aber nicht auf. Die heute übliche Liste ist eine Zusammenstellung aus verschiedenen Quellen: Asgard (Asen), Vanaheim (Wanen), Alfheim (Lichtelfen), Midgard (Menschen), Jötunheim (Riesen), Svartalfheim oder Nidavellir (Zwerge), Muspelheim (Feuer), Niflheim (Eis) und Hel (Tote). An den Wurzeln des Baums liegen der Brunnen der Nornen, der Brunnen Mimirs und die Quelle Hvergelmir, an der der Drache Nidhögg nagt.

Mehr dazu in Die neun Welten der nordischen Mythologie und Yggdrasil, der Weltenbaum.

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Der Weltenbaum als Anhänger.
Schmuckstück ansehen →Wer sind die Götter der nordischen Mythologie?
Die nordischen Götter teilen sich in zwei Sippen, die Asen um Odin und Thor und die Wanen um Njord, Freyr und Freyja. Beide Sippen führten den laut Völuspá ersten Krieg der Welt. Keine Seite siegte, also schlossen sie Frieden und tauschten Geiseln aus. Allmächtig ist keiner von ihnen: Sie altern ohne die Äpfel der Göttin Idun, machen Fehler, streiten und können sterben.

Die wichtigsten Asen
| Gott | Bereich | Kennzeichen |
|---|---|---|
| Odin | Weisheit, Dichtung, Krieg, Tod, Magie | einäugig, Speer Gungnir, Raben Huginn und Muninn, Pferd Sleipnir |
| Frigg | Ehe, Mutterschaft, Vorsehung | Gemahlin Odins, Halle Fensalir |
| Thor | Donner, Schutz, Kraft | Hammer Mjölnir, Wagen mit Ziegenböcken |
| Baldr | Licht, Reinheit, Schönheit | stirbt durch einen Mistelzweig |
| Tyr | Recht, Mut, Sieg | verlor seine Hand an Fenrir |
| Heimdall | Wächter der Götter | Gjallarhorn, wacht an Bifröst |
| Bragi | Dichtkunst | Gemahl der Idun |
| Vidar | Rache, Schweigen | tötet Fenrir im Ragnarök |

Odin sucht unermüdlich nach Wissen: Er opferte ein Auge am Brunnen Mimirs und hing neun Nächte am Baum, um die Runen zu gewinnen. Thor beschützt Götter und Menschen und war in der Wikingerzeit vielleicht der beliebteste Gott. Mehr in „Wer ist Odin?“, „Wer ist Thor?“, Frigg Göttin, „Wer ist Baldur?“ und Tyr, der Gott des Opfers.

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Das Zeichen des Donnergottes.
Schmuckstück ansehen →Die Wanen

Njord ist der Gott des Meeres, der Seefahrt und des Reichtums. Seine Kinder sind Freyr, der Gott der Fruchtbarkeit, des Friedens und der Ernte, und Freyja, die Göttin der Liebe, der Magie und des Krieges. Mehr in „Wer ist die Göttin Freyja?“, „Wer ist Freyr?“ und „Wer ist der Gott Njord?“.

Loki: der Grenzgänger

Loki stammt von Riesen ab, lebt aber unter den Göttern und ist Odins Blutsbruder. Er hilft den Göttern oft aus Schwierigkeiten, die er selbst verursacht hat, und wird schließlich zu ihrem Feind. Er ist schuld am Tod Baldrs, wird zur Strafe gefesselt und kämpft im Ragnarök gegen die Götter. Seine Kinder sind der Wolf Fenrir, die Midgardschlange Jörmungandr und die Totenherrscherin Hel. Mehr in „Wer ist Loki?“.
Welche Wesen gibt es neben den Göttern?
Neben den Göttern gibt es vor allem Riesen, Zwerge, Elfen, Nornen und Walküren.
- Riesen (Jötnar): die Gegenspieler der Götter, oft weise und mit ihnen verwandt. Mehr in Giganten in der nordischen Mythologie.
- Zwerge: meisterhafte Schmiede, die Mjölnir, Gungnir und Brísingamen schufen. Mehr in Zwerge in der nordischen Mythologie.
- Elfen: Lichtelfen in Alfheim und Schwarzalben unter der Erde.
- Nornen: Urd, Verdandi und Skuld, die das Schicksal bestimmen. Mehr in „Der Ursprung und die Bedeutung des Wyrd Web“.
- Walküren: Odins Kriegerinnen, die die Gefallenen wählen. Mehr in Walküren, die nordischen Kriegerinnen.
- Tiere: Odins Raben Huginn und Muninn, seine Wölfe Geri und Freki, das Pferd Sleipnir, das Eichhörnchen Ratatoskr. Mehr in Die Botschaft hinter den Raben Huginn und Muninn.
Wohin kommen die Toten in der nordischen Mythologie?
Die Toten kommen je nach Todesart an verschiedene Orte: Gefallene nach Walhall zu Odin oder nach Fólkvangr zu Freyja, die meisten anderen ins Reich der Göttin Hel, Ertrunkene zur Meeresgöttin Rán. Manche Familien glaubten zudem, in einem heiligen Berg weiterzuleben. Mehr in „Was ist Walhall?“ und Bestattungsriten der Wikinger.
Was passiert beim Ragnarök?
Beim Ragnarök, dem „Schicksal der Götter“, gehen Götter und Welt in einer letzten Schlacht unter, danach taucht eine neue Erde auf. Es beginnt mit drei Wintern ohne Sommer, dem Fimbulwinter. Brüder töten einander, Wölfe verschlingen Sonne und Mond, Loki und Fenrir kommen frei. Heimdall bläst ins Gjallarhorn, und Götter und Riesen ziehen in die letzte Schlacht:
- Odin wird von Fenrir verschlungen, sein Sohn Vidar rächt ihn.
- Thor tötet die Midgardschlange und stirbt an ihrem Gift.
- Freyr fällt im Kampf gegen den Feuerriesen Surt.
- Tyr und der Hund Garm töten sich gegenseitig, ebenso Heimdall und Loki.

Surt setzt die Welt in Brand, sie versinkt im Meer. Dann taucht eine neue, grüne Erde auf. Einige Götter überleben, Baldr kehrt zurück, und zwei Menschen, Líf und Lífthrasir, die sich im Hain Hoddmimirs verborgen hatten, bevölkern die Welt neu. Mehr in „Was ist das Ragnarök?“ und Vidar.
Wie zeigte sich der Glaube im Alltag?
Im Alltag zeigte sich der Glaube vor allem in Opferfesten, Amuletten und Runeninschriften. Verehrt wurden die Götter auf Höfen, in Hallen, an Hainen, Quellen und Steinen. Der wichtigste Ritus war das Blót, ein Opferfest, bei dem Tiere geopfert und gemeinsam gegessen wurden. Laut der Ynglinga saga fanden große Feste zum Winterbeginn, zur Wintermitte und zum Sommerbeginn statt. Die Zeremonien leitete der Hausherr oder ein Häuptling, in Island hieß er Gode.
Der Chronist Adam von Bremen beschreibt um 1075 einen Tempel in Uppsala mit Statuen von Thor, Wodan und Fricco (meist als Freyr gedeutet) und einem großen Opferfest alle neun Jahre. Sein Bericht beruht auf Hörensagen und ist in Teilen umstritten. Mehr in Wikingertempel und heilige Räume und Wikinger Feste.
Viele Menschen trugen Amulette, vor allem Thorshämmer, und nutzten Runen für Inschriften und Zauberformeln. Mit der Christianisierung im 10. und 11. Jahrhundert verschwand der alte Glaube allmählich, lebte aber in Volksglauben und Bräuchen noch lange weiter. Mehr in Das Christentum bei den Wikingern.
Was lebt von der nordischen Mythologie bis heute weiter?
Bis heute lebt sie in unseren Wochentagen, in Filmen und Spielen, im Schmuck und in neuen Glaubensgemeinschaften weiter.

In unserer Sprache
Der Donnerstag ist nach Donar, also Thor, benannt, der Freitag nach Frija oder Frigg. Im Englischen kommen Tuesday (Tyr) und Wednesday (Woden, also Odin) hinzu. Das deutsche Wort Mittwoch ersetzte den Wodanstag, wohl unter kirchlichem Einfluss.
In Literatur, Musik und Film
Richard Wagner griff die Stoffe im 19. Jahrhundert in seinem Ring des Nibelungen auf. J. R. R. Tolkien übernahm für den Hobbit Zwergennamen aus der Völuspá. Heute prägen Marvel-Filme, Serien wie Vikings und Spiele wie God of War das Bild der Götter. Mehr in „Wo wurde Vikings gedreht?“.
In Symbolen und Schmuck
Thors Hammer, der Valknut, Odins Raben und der Weltenbaum werden heute oft als Zeichen für Stärke, Schutz und Verbundenheit getragen. Einen Überblick gibt dir Wikinger Symbole und ihre Bedeutung. Motive findest du in unserer Kollektion Wikinger Schmuck, in den Wikinger Halsketten und den Wikinger Ringen.
Moderne Religion
In Island ist die Glaubensgemeinschaft Ásatrúarfélagið, die sich auf die alten Götter beruft, seit 1973 staatlich anerkannt. Viele Gemeinschaften dieser Art grenzen sich ausdrücklich von der Vereinnahmung der Symbole durch Rechtsextreme ab.
Was stimmt über die nordische Mythologie und was nicht?
Vieles, was als gesichert gilt, stammt aus späten Quellen oder aus Filmen.
| Behauptung | Stimmt das? |
|---|---|
| Die Edda zählt die neun Welten auf | Nein. Die Völuspá nennt nur die Zahl, die Liste ist eine spätere Zusammenstellung. |
| Die Edda ist die heilige Schrift der Wikinger | Nein. Sie entstand im christlichen Island des 13. Jahrhunderts. |
| Loki führt im Ragnarök die Riesen an | So steht es nicht bei Snorri. Dort führt Hrym die Riesen, Loki die Leute der Hel. |
| Loki ist Odins Bruder oder Thors Bruder | Thors Bruder ist er nur im Film. In der Lokasenna ist er Odins Blutsbruder. |
| Alle Toten kommen nach Walhall | Nein. Dorthin kommt nur ein Teil der Gefallenen, die meisten Toten gehen zu Hel. |
Häufige Fragen zur nordischen Mythologie
Was ist die nordische Mythologie?
Die nordische Mythologie umfasst die Götter, Wesen und Geschichten der vorchristlichen Religion Skandinaviens. Sie ist vor allem durch zwei isländische Werke des 13. Jahrhunderts überliefert, die Lieder-Edda und die Prosa-Edda des Snorri Sturluson.
Wer sind die wichtigsten Götter der nordischen Mythologie?
Zu den Asen gehören Odin, Frigg, Thor, Baldr, Tyr und Heimdall, zu den Wanen Njord, Freyr und Freyja. Loki ist ein Sonderfall: Er lebt unter den Göttern, stammt aber von Riesen ab.
Was ist der Unterschied zwischen Asen und Wanen?
Die Asen sind die größere Göttersippe um Odin. Die Wanen um Njord, Freyr und Freyja werden vor allem mit Fruchtbarkeit, Weisheit und dem Blick in die Zukunft verbunden. Nach einem Krieg schlossen beide Sippen Frieden.
Was ist das Ragnarök?
Das Ragnarök ist das Ende der Welt in der nordischen Mythologie: eine letzte Schlacht zwischen Göttern und Riesen, in der viele Götter sterben und die Welt verbrennt. Danach taucht eine neue, grüne Erde aus dem Meer auf.
Ist die nordische Mythologie dasselbe wie die germanische Mythologie?
Die nordische Mythologie ist der am besten überlieferte Teil der germanischen Mythologie. Viele Götter wurden auch auf dem Kontinent und in England verehrt, etwa Wodan, Donar und Frija, doch dort sind kaum Geschichten erhalten.
Welche Quelle solltest du zuerst lesen?
Für den Einstieg eignet sich die Prosa-Edda des Snorri Sturluson, weil sie die Mythen zusammenhängend erzählt. Die Lieder-Edda ist älter im Stoff, setzt aber mehr Wissen voraus. Beide gibt es auf Deutsch bei Reclam.
Quellen und weiterführende Literatur
- Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Übersetzt von Arnulf Krause. Reclam.
- Snorri Sturluson: Die Edda des Snorri Sturluson. Übersetzt von Arnulf Krause. Reclam.
- Snorri Sturluson: Heimskringla, Ynglinga saga, Kap. 8 (Opferfeste).
- Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Kröner, 3. Auflage 2006.
- John Lindow: Norse Mythology. A Guide to the Gods, Heroes, Rituals, and Beliefs. Oxford University Press, 2001.
- Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Buch IV (Tempel von Uppsala).
- Nordische Mythologie bei Wikipedia
Weiterlesen: Die neun Welten · Wer ist Odin? · Wikinger Symbole und ihre Bedeutung



















