Tempel für Thor und Odin in Norwegen: Was der Fund von Ose wirklich zeigt
Das Wichtigste in Kürze
- Im Jahr 2020 legten Archäologen auf dem Hof Ose bei Ørsta in Westnorwegen die Spuren eines ungewöhnlichen Holzbaus frei.
- Der Ausgräber Søren Diinhoff deutet ihn als Götterhaus, den ersten seiner Art in Norwegen, vergleichbar mit Uppåkra und Tissø.
- Der Bau war etwa 14 Meter lang und 7 bis 8 Meter breit. Die Höhe von 12 Metern ist eine Rekonstruktion.
- Ganz sicher ist das nicht: Der dänische Professor Søren Sindbæk vermisst typische Opferfunde.
- Kein Fund nennt Thor oder Odin beim Namen. Die Götter sind ein Schluss aus dem, was wir über die Religion der Zeit wissen.
Ein Tempel für Thor und Odin in Norwegen: So ging der Fund von Ose im Herbst 2020 durch die Presse. Tatsächlich fanden die Archäologen Pfostenlöcher, Kochgruben und einen ungewöhnlichen Grundriss, keine Götterbilder und keine Inschrift. Hier liest du, was im Boden lag, was daraus geschlossen wurde und wo Fachleute widersprechen. Den größeren Zusammenhang erklärt unser Artikel Wikingertempel und heilige Räume.
Inhalt: Der Fund · Die Gründe · Die Zweifel · Welche Götter? · Vorbild Kirche? · Vom Hörgr zur Kirche · Die Feste · Faktencheck · Bedeutung heute · Häufige Fragen
Was wurde in Ose in Norwegen gefunden?

Gefunden wurden die Pfostenspuren eines großen Holzbaus von etwa 14 Metern Länge, dazu ältere Langhäuser und Felder von Kochgruben. Die Stelle liegt auf dem Hof Ose nahe Ørsta in der Provinz Møre og Romsdal. Das Universitätsmuseum Bergen untersuchte dort rund 8000 Quadratmeter, bevor Wohnhäuser gebaut werden sollten. Dabei kamen Spuren von Siedlungen aus sehr verschiedenen Zeiten zutage.
Ein Gebäude am westlichen Ende fiel aus dem Rahmen. Seine Wände stehen auf kräftigen Pfosten und laufen leicht gebogen, ein Ende ist abgerundet. Im Inneren fehlen die beiden Pfostenreihen, die das Dach normaler Langhäuser dieser Zeit tragen. Vier große Pfosten im Abstand von 3 mal 3,5 Metern stehen stattdessen in der Mitte.
Die Angaben zur Größe schwanken: Live Science nennt 8 Meter Breite, Science Norway im selben Artikel 8 und dann 7, Life in Norway 7 Meter. Die oft zitierte Höhe von 12 Metern kann niemand gemessen haben, denn von dem Bau sind nur Spuren im Boden erhalten.
Warum gilt der Bau in Ose als Götterhaus?

Vor allem wegen seines Grundrisses, denn fast identische Bauten kennt man nur von wenigen Kultplätzen in Südskandinavien. Diinhoff nennt ausdrücklich Uppåkra in Schonen und Tissø auf Seeland. Dort wird ein vergleichbarer Bau als Kulthaus gedeutet. Zusammen mit anderen Spuren ergibt sich dieses Bild:
| Spur | Was sie zeigen kann | Einwand |
|---|---|---|
| Grundriss mit vier Mittelpfosten | Parallele zu Uppåkra und Tissø | Ähnlichkeit allein beweist keine Nutzung |
| Kochgruben in großer Zahl | Gemeinsame Mahlzeiten bei Festen | Sie waren in dieser Zeit auch anderswo häufig |
| Dicke, kohlehaltige Schichten um den Bau | Feuer und wiederholte Nutzung | Der Fußboden selbst ist nicht erhalten |
| Weißer Stein in Form eines Phallus | Fruchtbarkeitskult | Er wurde schon Jahre zuvor in der Nähe gefunden, nicht im Bau |
| Großer Hof in der Nähe | Reiche Familie als Trägerin des Kults | Sagt nichts über dieses eine Gebäude |
Diinhoff selbst warnt vor vorschnellen Deutungen. Eine Feuerstelle und ein Goldanhänger machen für ihn noch kein Götterhaus. Nach seiner Einschätzung ist Ose trotzdem der erste Bau dieser Art in Norwegen. Dass es solche Häuser dort gab, vermutete man schon wegen kleiner Goldblechfiguren, die in Norwegen unter mittelalterlichen Kirchen auftauchten.
Warum zweifeln andere Forscher am Tempel von Ose?
Weil die typischen Opferfunde fehlen, die den Vergleich mit Uppåkra und Tissø erst tragfähig machen würden. Der Archäologe Søren Sindbæk von der Universität Aarhus sagte der Seite videnskab.dk, er erkenne zwar die Bauform wieder. Die anerkannten Kultbauten lieferten aber auch zerstörte Waffen und andere Opfergaben, und die sehe er in Ørsta nicht. Mit drei oder vier verbogenen Speerspitzen wäre er begeistert, ohne solche Stücke falle es ihm schwer, an einen Kultbau zu glauben.
Diinhoff hält dagegen, dass der Fußboden verloren ging. Wäre er erhalten, hätte man vermutlich auch Opfergaben gefunden. Auch die Knochen sind ein Streitpunkt in den Berichten: Live Science spricht von zahlreichen Tierknochen, Science Norway zitiert Diinhoff dagegen so, dass im sauren Boden Knochen nicht überdauert hätten. Das passt schlecht zusammen und lässt sich ohne Grabungsbericht nicht klären.
Unsicher bleibt auch das Alter. Die Meldung vom Ende des 8. Jahrhunderts stammt aus der ersten Berichterstattung, und im Oktober 2020 waren die Holzkohleproben laut Science Norway noch nicht zur Datierung geschickt. Ein abschließendes Ergebnis konnten wir bei unserer Recherche nicht finden. Halte die Zahl „1200 Jahre“ daher für eine vorläufige Angabe.
Wurden in Ose wirklich Thor und Odin verehrt?
Das weiß niemand sicher, denn vor Ort wurde kein Stück gefunden, das einen Götternamen nennt. Dass in solchen Häusern Odin, Thor und Freyr geehrt wurden, schließt Diinhoff aus dem allgemeinen Wissen über die Zeit. Die Holzfiguren, von denen manche Berichte sprechen, sind eine Vermutung. Die drei Namen erinnern an den Bericht von Adam von Bremen zu Uppsala, doch der stammt aus dem 11. Jahrhundert und bezieht sich auf einen ganz anderen Ort.
Loki gehört nicht in diese Reihe: Keine der Quellen, die wir zu Ose gelesen haben, nennt ihn.

Wikinger-Halskette mit Gungnir-Speer
Odins Speer als Anhänger, für alle, die der Gott fasziniert.
Schmuckstück ansehen →War das Götterhaus von Ose einer Kirche nachempfunden?

Das ist Diinhoffs These, belegt ist sie nicht. Die vier inneren Pfosten könnten einen erhöhten Mittelteil getragen haben. Live Science gibt seine Deutung so wieder: Reisende hätten im Süden christliche Basiliken gesehen, und nach deren Vorbild seien Götterhäuser mit hohem Turm entstanden. Der Turm selbst ist aber nur aus den Pfosten erschlossen. Science Norway schreibt vorsichtiger von einem erhöhten Mittelteil.
Spannender als der Turm ist der gesellschaftliche Hintergrund. In der römischen Eisenzeit wuchsen die besten Höfe stark, manche auf das Siebenfache. Reiche Bauernfamilien wurden zu Gesetzgebern, Heerführern und Kultleitern zugleich. Laut Diinhoff zogen die Feste damit vom offenen Feld in große Hallen unter der Kontrolle dieser Familien.
Wie hängen Hörgr, Hof und Kirche in Ose zusammen?
Diinhoff sieht an vielen Orten eine feste Abfolge: zuerst der Kochgrubenplatz, dann das Götterhaus, zuletzt die Kirche. Die offenen Plätze mit ihren vielen Kochgruben hält er für das, was alte Texte hörgr nennen. Das Götterhaus entspräche dem hof. Auch dass Kochgruben oft bei frühen Kirchen liegen, passt für ihn in dieses Muster.
Warum blieb gerade Ose erhalten? Seine Antwort ist schlicht: Die erste Kirche wurde auf einem Nachbarhof gebaut, nicht hier. Anderswo verschwanden solche Häuser womöglich unter den Kirchen. Die Begriffe hörgr und hof erklären wir genauer unter Wikingertempel und heilige Räume. Dort findest du auch den 2010 entdeckten Kultplatz von Ranheim, den wir wegen seines ganz anderen Aufbaus nicht mit Ose gleichsetzen.
Was geschah bei den Festen im Götterhaus?

Vermutlich gab es gemeinsame Mahlzeiten mit Opfern zu festen Zeiten im Jahr, doch in Ose selbst lässt sich das nur indirekt zeigen. Diinhoff denkt an die Sonnenwenden. Die Gläubigen hätten Fleisch und Getränke geopfert und danach selbst verzehrt, denn die Götter nahmen laut dieser Deutung nur im Geist teil. Seine Zusammenfassung gegenüber Live Science klingt erfreulich unfeierlich: viel Essen, viel Trinken, gute Stimmung.
Wie ein solches Opferfest ablaufen konnte, beschreibt Snorri in der Heimskringla, allerdings Jahrhunderte später und für andere Orte. Mehr dazu liest du unter Wikinger Feste. Mit der Christianisierung ab dem 11. Jahrhundert wurden solche Häuser laut Live Science zerstört. Ob das auch Ose traf, ist offen, Spuren dafür fehlen bisher.

Wikinger-Halskette mit Gullinbursti
Der goldene Eber des Fruchtbarkeitsgottes Freyr als Anhänger.
Schmuckstück ansehen →Was stimmt über den Tempel von Ose und was nicht?
| Behauptung | Stimmt das? |
|---|---|
| Der Tempel war Thor und Odin gewidmet | Das ist eine Deutung. Kein Fund vor Ort nennt einen Gott. |
| Es ist sicher der erste Tempel in Norwegen | Das sagt der Ausgräber. Der Professor Søren Sindbæk bezweifelt den Kultbau, und von Ranheim kennt man einen anderen Kultplatz. |
| Der Bau war 12 Meter hoch | Das ist eine Rekonstruktion, gemessen wurde nur der Grundriss. |
| Das Gebäude ist genau 1200 Jahre alt | Das ist vorläufig. Eine endgültige Datierung konnten wir nicht finden. |
| Freyr gab dem Freitag seinen Namen | Nein. Freitag geht auf die Göttin Frija oder Frigg zurück, auch das englische Friday. |
| Der Bau ahmt sicher eine christliche Basilika nach | Das ist Diinhoffs These. Der Turm ist nur aus vier Pfosten erschlossen. |
Was bedeutet der Fund von Ose heute?
Ose zeigt, wie schnell aus einem vorsichtigen Grabungsbefund eine Schlagzeile wird. Wichtig bleibt er trotzdem, weil er den Blick nach Westnorwegen lenkt, das bisher kaum als Standort solcher Bauten galt. Ob der Ort heute etwas zeigt, konnten wir nicht prüfen. Das Gelände war für Wohnbauten vorgesehen. Motive rund um die alten Götter findest du in unserer Kollektion Wikinger Halsketten.
Häufige Fragen zum Tempel von Ose
Wo wurde der Tempel für Thor und Odin gefunden?
Auf dem Hof Ose nahe Ørsta in der Provinz Møre og Romsdal in Westnorwegen. Das Universitätsmuseum Bergen grub dort 2020 vor einem Wohnbauprojekt rund 8000 Quadratmeter aus.
Wie groß war das Götterhaus von Ose?
Etwa 14 Meter lang und je nach Bericht 7 oder 8 Meter breit. Vier große Pfosten standen in der Mitte. Die Höhe von 12 Metern stammt aus einer Rekonstruktion und nicht aus einer Messung.
Wie alt ist der Tempel in Norwegen?
Die ersten Berichte nennen das Ende des 8. Jahrhunderts, also rund 1200 Jahre. Im Oktober 2020 waren die Proben aber noch nicht datiert. Ein endgültiges Ergebnis konnten wir nicht finden.
Was ist ein Götterhaus?
So nennen Forscher besondere Hallen, die offenbar dem Kult dienten. Als Beispiele gelten Uppåkra in Schweden und Tissø in Dänemark. Sie unterscheiden sich im Grundriss von den Wohn- und Stallhäusern der Zeit.
Ist der Tempel von Ose bewiesen?
Nein. Søren Diinhoff hält ihn für ein Götterhaus, Søren Sindbæk vermisst typische Opferfunde wie zerstörte Waffen. Weil der Fußboden nicht erhalten ist, lässt sich die Frage kaum abschließend klären.
Wurde der Tempel von Christen zerstört?
Das ist nicht belegt. Ab dem 11. Jahrhundert ließen norwegische Könige heidnische Bauten zerstören, doch für Ose fehlen laut Diinhoff bisher Hinweise. Die erste Kirche der Gegend entstand auf einem Nachbarhof.
Quellen und weiterführende Links
- Remains of what may be a temple, Science Norway, 14. Oktober 2020 (Diinhoff, Sindbæk)
- 1,200 year old pagan temple, Live Science, Tom Metcalfe
- Sensational Find of Pagan Temple Remains in Norway, Life in Norway (Grundriss, 8000 Quadratmeter)
- Uppåkra, englische Wikipedia
- Heathen hof, englische Wikipedia (Tissø, Uppåkra, Forschung)
- Gullgubber, englische Wikipedia (Goldblechfiguren)
- Freitag, deutsche Wikipedia (Wortherkunft)
Weiterlesen: Wikingertempel und heilige Räume · Wikinger Feste · Wer ist Freyr?


















