Wikingertempel und heilige Räume: Was Quellen und Funde zeigen
Das Wichtigste in Kürze
- Wikingertempel gab es, doch es waren keine Steinbauten, und viele Kulthandlungen fanden auf Höfen oder im Freien statt.
- Der bekannteste ist der Tempel von Uppsala, beschrieben um 1070 von Adam von Bremen, mit Thor, Wodan und Fricco.
- Der Archäologe Olaf Olsen bestritt 1966 eigene Tempelbauten. Spätere Funde in Tissø, Uppåkra und Ranheim änderten das Bild erneut.
- In Hofstaðir auf Island wurden mindestens 23 Rinder rituell getötet, ihre Schädel waren dort über Jahre sichtbar.
- Neben dem Hof kennen die Quellen den Hörgr, das Vé und den heiligen Hain.
Wikingertempel und heilige Räume sahen meist ganz anders aus, als du sie aus Filmen kennst. Hohe Steintempel kennt die Archäologie nicht, dafür große Hallen, Steinaltäre und heilige Haine. Selbst ob die Wikinger überhaupt eigene Tempel kannten, war in der Forschung lange umstritten. Wir stellen dir die Texte von Adam von Bremen und aus den Sagas neben das, was tatsächlich im Boden gefunden wurde. So siehst du, wo die Quellen tragen und wo sie übertreiben.
Inhalt: Gab es Tempel? · Uppsala · Der Forschungsstreit · Funde · Heilige Orte · Das Blót · Priester · Faktencheck · Heute · Häufige Fragen
Hatten die Wikinger Tempel?

Ja, die Wikinger hatten Tempel, doch ein eigenes Kirchengebäude nach christlichem Muster war die Ausnahme. Das altnordische Wort hof bezeichnet in den Sagas einen Tempel. Es ist mit dem deutschen Wort Hof verwandt und meinte ursprünglich eine Halle. Im Lauf der Wikingerzeit verdrängte es offenbar ältere Begriffe für heilige Plätze.
Prachtbauten aus Stein darfst du dir dabei nicht vorstellen. Belegt sind Langhäuser und Pfostenbauten, von ihnen sind heute nur Pfostenlöcher, Knochen und Steinsetzungen übrig. Auch die Illustrationen in diesem Artikel sind freie Fantasie. Sie zeigen, wie man sich solche Tempel heute ausmalt, und kein gefundenes Gebäude.
Was wissen wir über den Tempel von Uppsala?

Fast alles stammt aus einem einzigen Bericht: dem des Geschichtsschreibers Adam von Bremen um 1070. Er beschreibt in Gamla Uppsala in Schweden einen ganz mit Gold geschmückten Tempel mit drei Götterbildern. In der Mitte sitzt Thor mit einem Zepter, an den Seiten Wodan in Waffen und Fricco, gemeint ist wohl Freyr, mit riesigem Phallus. Freyja, die viele Seiten hier nennen, fehlt. Bei Hunger und Seuchen opfert man Thor, bei Krieg Wodan, zu Hochzeiten Fricco.

Wikinger-Halskette mit Thors Hammer
Thor sitzt laut Adam von Bremen in der Mitte des Tempels von Uppsala.
Schmuckstück ansehen →Alle neun Jahre kam laut Adam ein Fest für ganz Schweden zusammen. Von jedem Lebewesen wurden neun männliche Tiere geopfert, auch Menschen, und ihre Körper hingen im heiligen Hain neben dem Tempel. Dazu nennen Randnotizen eine goldene Kette um den Bau, einen immergrünen Baum und eine Quelle, in die man einen Menschen stieß. Eine Zahl wie „tausende Gläubige“ findest du dort nicht.
Wie zuverlässig das ist, bleibt offen. Adam schrieb als Christ und hatte kein Interesse an einer genauen Darstellung des Heidentums, einen Teil seines Wissens hatte er wohl vom dänischen König Svend Estridsen. Manche Einzelheiten könnten sogar von den Beschreibungen des salomonischen Tempels beeinflusst sein. An einen Tempel an diesem Ort glauben dennoch viele Forscher, sein Aussehen ist unbekannt. Die Geschichte, König Inge habe ihn in den 1080er Jahren zerstört, stammt erst aus späteren Quellen.

Herren-Wikinger-Halskette mit Yggdrasil
Erinnert an den immergrünen Baum, den Adam neben dem Tempel beschreibt.
Schmuckstück ansehen →Warum stritt die Forschung so lange über Wikingertempel?

Weil 1966 eine einzige Studie das alte Bild umwarf. Lange ging man davon aus, dass Tempel eigene Gebäude waren und dass später Kirchen an ihrer Stelle entstanden. Der dänische Archäologe Olaf Olsen prüfte Grabungen in Island, Schweden und unter den ältesten dänischen Kirchen. Er fand keinen einzigen sicheren Tempel unter einer Kirche. Seine Folgerung: Der hof sei vor allem ein großer Hof gewesen, auf dem der mächtigste Bauer auch die Opferfeste ausrichtete.
Diese Idee vom Tempelhof hielt nur wenige Jahrzehnte als Lehrmeinung. Neue Funde zeigten Gebäude, die offenbar nur dem Kult dienten. Die Religionshistorikerin Gro Steinsland sieht darin auch eine Frage des Geldes: Wo die Gegend reich war, entstanden echte Tempel, wo sie arm war, nutzte man die vorhandenen Räume.
Welche Funde belegen Wikingertempel?
Die wichtigsten Belege kommen aus Island, Dänemark, Schweden und Norwegen. Die folgende Tabelle fasst sie knapp zusammen:
| Fundort | Was gefunden wurde | Was daraus folgt |
|---|---|---|
| Hofstaðir, Island | Langhaus von 42 Metern, Knochen von mindestens 23 rituell getöteten Rindern, Schädel lange sichtbar ausgestellt | Häufige Kultfeste, Ende wohl Mitte des 11. Jahrhunderts |
| Tissø, Dänemark | Große Halle vom 6. bis 11. Jahrhundert, Tierknochen, Glasbecher, Goldring, Amulette | Herrschaftssitz mit religiöser Funktion |
| Uppåkra, Schweden | Fundplatz in Schonen, seit 1996 ausgegraben | Kult und Versammlung der Bevölkerung |
| Ranheim, Norwegen | Steinkreis von rund 15 Metern, Pfostenbau von 5,3 mal 4,5 Metern ohne Feuerstelle, Prozessionsweg | Kultplatz vom 4. bis 10. Jahrhundert, 2010 entdeckt und einem Wohngebiet gewichen |
Besonders eindrucksvoll ist Hofstaðir. Die Rinder wurden auf ungewöhnliche Weise mit einem Schlag zwischen die Augen getötet, die meisten waren Stiere, was für eine Milchwirtschaft sehr überraschend ist. Olsen hatte gerade diesen Bau als reinen Bauernhof gedeutet, die neuen Grabungen sprechen gegen ihn. Mehr über einen weiteren Fund aus Norwegen liest du in Tempel, der den nordischen Göttern gewidmet ist.
Welche heiligen Orte gab es außer dem Tempel?
Die Quellen unterscheiden mehrere Arten heiliger Plätze, viele davon lagen im Freien. Schon der römische Autor Tacitus schrieb über die Germanen, ihre heiligen Orte seien Wälder und Haine. In Völuspá 7 errichten die Götter selbst auf dem Idafeld hörg ok hof.
- Hörgr: vermutlich ein Altar oder Steinhaufen. In Hyndluljód 10 sagt Freyja, Ottar habe ihr einen aus Steinen geschichtet und mit frischem Rinderblut gerötet, die Steine seien schon zu Glas geworden.
- Vé: ein abgegrenzter heiliger Bezirk. Die Inschrift von Oklunda aus dem 9. Jahrhundert berichtet von einem Mann, der dort nach einer Straftat Schutz fand.
- Lundr: der heilige Hain, wie ihn Adam neben Uppsala beschreibt.
- Der Wohnhof: Auch das Opfer an die Alben, das Sigvat 1019 in Schweden erlebte, fand auf gewöhnlichen Höfen statt.
- Das Wasser: Darüber liest du mehr unter Opfer in Seen.
Was geschah bei einem Blót im Tempel?
Man schlachtete Tiere, besprengte Menschen und Raum mit dem Blut und aß das Fleisch gemeinsam. So beschreibt es Snorri in der Heimskringla: Mit den Blutzweigen werden die Sockel der Götterbilder und die Wände bestrichen, über Feuern in der Mitte kocht das Fleisch, ein Becher geht reihum. Das passt gut zu den vielen Knochen in Hofstaðir. Adam erwähnt außerdem Lieder, die ihm zu widerlich sind, um sie wiederzugeben. Mehr über Feste liest du in Wikinger Feste.
Am ausführlichsten erzählt die Eyrbyggja saga in Kapitel 4 von Thorolfs Tempel auf Island, mit Hochsitzpfeilern, Eidring und Blutschale. Kritisch solltest du beachten, dass der Verfasser einen Teil des Baus ausdrücklich mit dem Chor einer Kirche vergleicht. Die Kjalnesinga saga nennt sogar einen Tempel von hundert mal sechzig Fuß mit ewigem Feuer, was der Forscher Jan de Vries für übertrieben hielt. Solche Texte entstanden Jahrhunderte später.
Aus Dänemark berichtet Bischof Thietmar von Merseburg um 1015 von Opferfesten alle neun Jahre in Lejre auf Seeland, bei denen je 99 Menschen, Pferde, Hunde und Hähne getötet worden seien. Sein Wissen hatte er aus zweiter Hand. Einen Fund, der diese Zahl bestätigt, kennen wir nicht.
Gab es bei den Wikingern Priester und Priesterinnen?

Es gab Kultleiter, aber keinen eigenen Priesterstand wie in der Kirche. In Island hieß der Verantwortliche Gode (goði), die weibliche Form lautet Gydja (gyðja). Er kümmerte sich um Tempel und Opferfeste, hatte aber vor allem politische Macht. Auch die Eyrbyggja saga nennt ihn als Verantwortlichen für den Unterhalt des Tempels. In der Ynglinga saga heißt sogar Freyja blótgyðja, Opferpriesterin. Adam nennt für Uppsala eigene Priester zu jedem Gott. Über Rituale und Weissagung erfährst du mehr unter Völva in der nordischen Gesellschaft.
Was stimmt über Wikingertempel und was nicht?
| Behauptung | Stimmt das? |
|---|---|
| Wikingertempel waren aus Stein gemeißelt | Nein. Belegt sind Langhäuser und Pfostenbauten, dazu kommen Steinaltäre. |
| In Uppsala wurde Freyja zusammen mit Thor und Odin verehrt | Adam von Bremen nennt Thor, Wodan und Fricco, also wohl Freyr. |
| Tausende Gläubige kamen nach Uppsala | Diese Zahl steht nicht bei Adam. Er spricht von einem Fest für alle Provinzen Schwedens. |
| Es wurden auch Menschen geopfert | Das berichten Adam und Thietmar. Beide sind christliche Autoren, die Zahlen sind nicht gesichert. |
| Jede Kirche steht auf einem alten Tempel | Nein. Olaf Olsen fand 1966 keinen einzigen sicheren Fall. |
| Die Bestattung fand im Tempel statt | In den hier genannten Quellen findet sich dafür kein Beleg. |
Wo kannst du heute heilige Orte der Wikinger sehen?
Am eindrucksvollsten ist Gamla Uppsala in Schweden mit seinen großen Königshügeln. Vom Tempel selbst ist dort nichts zu sehen. Dass moderne Menschen diese Orte als Quelle spiritueller Weisheit lesen, ist ihre eigene Deutung, die Quellen geben dazu wenig her. Motive zur alten Götterwelt findest du in unserer Kollektion Wikinger Halsketten.
Häufige Fragen zu Wikingertempeln
Hatten die Wikinger Tempel?
Ja, aber wohl seltener und anders als oft gedacht. Sagas und Adam von Bremen beschreiben Tempel, Ausgrabungen in Schweden, Dänemark und Island zeigen Hallen und Kultbauten. Viele Opfer fanden jedoch auf Höfen oder im Freien statt.
Welche Götter wurden im Tempel von Uppsala verehrt?
Adam von Bremen nennt Thor in der Mitte sowie Wodan und Fricco, womit wohl Freyr gemeint ist. Freyja nennt er dort nicht. Die Angaben stammen von einem christlichen Autor und gelten nur teilweise als gesichert.
Was ist ein Hörgr?
Ein Hörgr ist eine altnordische Kultstätte, vermutlich ein Altar oder Steinhaufen. Im Edda-Lied Hyndluljód schichtet Ottar einen solchen Steinaltar für Freyja auf und rötet ihn mit Rinderblut.
Was ist ein Blót?
Ein Blót ist ein Opferfest. Laut Heimskringla schlachtete man Tiere, besprengte den Raum mit dem Blut und aß das Fleisch beim gemeinsamen Mahl. Die Einzelheiten stammen meist aus Quellen des 13. Jahrhunderts.
Gab es Priester bei den Wikingern?
Einen eigenen Priesterstand wie in der Kirche kennen die Quellen kaum. In Island hieß der Verantwortliche Gode, die weibliche Form lautet Gydja. Der Gode besaß auch weltliche Macht, in Uppsala nennt Adam von Bremen dagegen eigene Priester.
Sind noch Wikingertempel erhalten?
Stehende Gebäude sind nicht erhalten. Erhalten sind Pfostenlöcher, Knochen und Steinsetzungen, etwa in Hofstaðir auf Island und in Tissø in Dänemark. Die Fundstelle von Ranheim in Norwegen musste einem Wohngebiet weichen.
Quellen und weiterführende Links
- Heathen hof, englische Wikipedia (Olsen, Hofstaðir, Tissø, Adam, Eyrbyggja, Kjalnesinga)
- Temple at Uppsala, englische Wikipedia
- Temple at Uppsala, World History Encyclopedia
- Eyrbyggja saga, englische Übersetzung, sagadb.org
- Völuspá, altnordischer Text (Strophe 7), heimskringla.no
- Hyndluljóð, altnordischer Text (Strophe 10), heimskringla.no
- Ynglinga saga, altnordischer Text (Kapitel 4), heimskringla.no
- Hörgr, englische Wikipedia
- Vé (shrine), englische Wikipedia (Oklunda)
- Ranheim, englische Wikipedia
- Lejre, Medieval Histories (Thietmar)
- Bericht zum Fund von Ranheim, Übersetzung im Norse Mythology Blog
- Gothi, englische Wikipedia
Weiterlesen: Tempel, der den nordischen Göttern gewidmet ist · Wikinger Feste · Das Christentum bei den Wikingern


















