Gullinkambi, der Hahn von Valhalla: Was die Edda wirklich sagt
Das Wichtigste in Kürze
- Gullinkambi heißt „Goldkamm“. Der Hahn kräht in der Völuspá über den Asen und weckt die Helden bei Odin.
- Die Edda nennt drei Hähne vor Ragnarök: Fjalar, Gullinkambi und einen namenlosen rußroten Hahn in Hel.
- Er wird nur in einer Strophe beim Namen genannt, Völuspá 43. Snorri erwähnt ihn in der Prosa-Edda nicht.
- Salgofnir, der „Saalkräher“ aus einem Helgi-Lied, wird oft mit ihm gleichgesetzt.
- Hähne hatten im Norden auch echte Bedeutung: Ibn Fadlan sah sie bei einem Schiffsbegräbnis auf der Wolga als Opfer.
Gullinkambi ist in der nordischen Mythologie der Hahn, der die Krieger in Walhall aufweckt und mit seinem Krähen das nahende Ragnarök ankündigt. Viel mehr verrät die Edda nicht, denn sein Auftritt besteht aus zwei Zeilen. Trotzdem lässt sich über diesen kleinen Vogel erstaunlich viel erzählen, wenn du die Stelle genau liest, seine beiden Artgenossen dazunimmst und in die Berichte über echte Opferhähne schaust.
Inhalt: Wer ist Gullinkambi? · Die drei Hähne · Salgofnir · Weckruf · Der Hahn im Baum · Echte Hähne · Faktencheck · Bedeutung heute · Häufige Fragen
Wer ist Gullinkambi in der nordischen Mythologie?

Gullinkambi ist ein Hahn aus der Völuspá, dessen Name „goldener Kamm“ bedeutet und der bei den Asen kräht. Das Wort setzt sich aus gullinn, „golden“, und kambr, „Kamm“, zusammen. Gemeint ist also der Kamm auf dem Kopf des Vogels. Die Übersetzungen „goldenes Wappen“ oder „goldhaariger Hahn“, die du gelegentlich liest, treffen das nicht.
Die gesamte Überlieferung passt in eine Strophe. Völuspá 43, zitiert nach der Ausgabe von Guðni Jónsson:
Gól of ásum Gullinkambi, sá vekr hölða at Herjaföðrs; en annarr gelr fyr jörð neðan sótrauðr hani at sölum Heljar.
Frei übersetzt: Über den Asen krähte Goldkamm, er weckt die Helden beim Heervater. Ein anderer kräht unter der Erde, ein rußroter Hahn in den Hallen der Hel. Herjaföðr, „Heervater“, ist ein Beiname Odins, sein Saal also Walhall. Ein Hahn von Walhall ist er damit nur indirekt, das Wort selbst fällt in der Strophe nicht.
Wichtig ist auch, was fehlt. Snorri Sturluson erzählt das Weltende in der Gylfaginning breit nach und zitiert zahlreiche Völuspá-Strophen. Die Hähne lässt er weg. In seinem Bericht weckt Heimdall die Götter, und zwar mit dem Gjallarhorn. Außerhalb der Völuspá steht der Name Gullinkambi in keinem der Edda-Texte, die wir durchsucht haben.
Welche drei Hähne krähen vor Ragnarök?

Fjalar bei den Riesen, Gullinkambi bei den Göttern und ein namenloser rußroter Hahn in Hel. Die Seherin der Völuspá stellt sie in den Strophen 42 und 43 direkt nacheinander. Die Reihung wirkt wie ein Weckruf durch die Welt der Riesen, der Götter und der Toten, bevor der Höllenhund Garm in Strophe 44 zu heulen beginnt.
| Hahn | Farbe | Wo er kräht | Strophe |
|---|---|---|---|
| Fjalar | „schön rot“ (fagrrauðr) | Im Galgwald (galgviðr), bei den Riesen. Darunter sitzt der Riesenhirte Eggthér und spielt fröhlich Harfe. | Völuspá 42 |
| Gullinkambi | Goldener Kamm | Über den Asen, bei Odin | Völuspá 43 |
| Namenlos | „rußrot“ (sótrauðr) | Unter der Erde, in den Sälen der Hel | Völuspá 43 |
Der Name Fjalar ist übrigens kein Alleinstellungsmerkmal. So heißen in den alten Texten auch ein Zwerg, der in Völuspá 16 in der Zwergenliste auftaucht, und einer der Mörder des weisen Kvasir in den Skáldskaparmál. Dass die drei Hähne „jeder auf seine Weise“ etwas verkünden, ist Auslegung. Der Text sagt nur, dass sie krähen.

Wikinger-Ring mit Ragnarök
Das Weltende, das der Goldkamm ankündigt, als Schmuckstück.
Schmuckstück ansehen →Ist Salgofnir derselbe Hahn wie Gullinkambi?
Viele Ausleger setzen beide gleich, doch der Text selbst sagt es nicht. In einem Heldenlied der Lieder-Edda, Helgakvida Hundingsbana II, muss der tote Held Helgi aus dem Grabhügel zurück, bevor der Morgen kommt. Er sagt, er müsse über die Brücke des Windhelms reiten, „bevor Salgofnir das Siegesvolk weckt“ (áðr Salgófnir sigrþjóð veki). Je nach Ausgabe ist das Strophe 47 oder 49.
Der Edda-Übersetzer Henry Adams Bellows übersetzt den Namen als „Saalkräher“ und erklärt ihn als Gullinkambi. Das liegt nahe: Der Hahn weckt das Heer, und Helgi gehört als gefallener Held dorthin. Diese Stelle gibt uns außerdem einen Hinweis, wie du dir den Weckruf vorstellen kannst, nämlich als täglichen Morgenruf für die Toten.
Weckt Gullinkambi die Krieger jeden Tag?

Das ist möglich, doch die Völuspá sagt nur, dass er die Helden weckt, nicht wie oft. Die Grammatik macht den Fall spannend: Gól steht in der Vergangenheit, vekr in der Gegenwart. Die Strophe berichtet also ein einmaliges Krähen und nennt daneben eine bleibende Eigenschaft: Er ist der, der die Helden weckt. Daher kommt die Idee vom täglichen Wecken, und sie passt zum Tagesablauf der Einherjar, die sich laut Vafthrudnismal 41 jeden Tag gegenseitig zerhacken und abends wieder friedlich zusammensitzen.
Walhall hat in den Quellen mehr tierische Bewohner, als die meisten denken. Auf dem Dach steht laut Grímnismál 25 und 26 die Ziege Heidrun, die vom Baum Lærad frisst und aus deren Zitzen Met fließt. Daneben steht der Hirsch Eikthyrnir, von dessen Geweih Tropfen in die Quelle Hvergelmir fallen. Über Gullinkambis Standort schweigt der Text. Ein Bild vom Hahn auf dem Hallendach ist also unsere moderne Fantasie.
Auch die Rollenverteilung am letzten Tag verdient einen Blick. Die Völuspá lässt den Hahn krähen, dann heult Garm, und erst in Strophe 46 bläst Heimdall in das Horn. Gullinkambi gibt also nicht das eine, offizielle Startsignal, zu dem ihn viele Texte machen. Er ist ein frühes Vorzeichen. Mehr dazu liest du im Artikel Was ist das Ragnarök?
Sitzt ein Hahn auf der Spitze von Yggdrasil?
Das steht nicht von Gullinkambi in der Edda, aber ein goldener Hahn im Weltenbaum kommt in einem späten Lied vor. In den Fjölsvinnsmál, Strophen 23 und 24, wird nach dem Hahn gefragt, der im hohen Baum sitzt und ganz von Gold glänzt. Die Antwort: Er heißt Vidopnir und steht auf den Zweigen von Mímameid, einem Namen, den man meist auf Yggdrasil bezieht. Name und Ort sind also andere, die Ähnlichkeit ist trotzdem auffällig.

Wikinger-Halskette mit Yggdrasil
Der Weltenbaum, in dessen Zweigen die Edda einen goldenen Hahn kennt.
Schmuckstück ansehen →Das führt zu den Wandteppichen von Överhogdal aus Härjedalen in Schweden, heute im Museum Jamtli in Östersund. Sie zeigen unter anderem einen Baum mit einem Vogel an der Spitze. Radiokarbondaten von 2005 setzen sie zwischen 1040 und 1170, ältere Tests von 1991 zwischen 800 und 1100. Manche Forscher sehen im Baum Yggdrasil und im Vogel Gullinkambi. Das ist ein Vorschlag, kein Befund. Der Satz „Gullinkambi wurde auf den Teppichen von Överhogdal dargestellt“ sagt also zu viel, denn beschriftet ist dort nichts dergleichen.
Welche Rolle spielten echte Hähne bei den Wikingern?
Hähne und Hühner gehörten zu den Opfern, die mit Tod und Jenseits verbunden waren. Drei Quellen aus ganz verschiedenen Ecken zeigen das, und jede wirft ein Licht auf Gullinkambis Rolle zwischen den Welten:
- Ibn Fadlan, 10. Jahrhundert: Der arabische Gesandte beschreibt ein Schiffsbegräbnis der Rus an der Wolga. Die Trauernden schlachten einen Hahn und eine Henne und werfen sie auf das Schiff. Später reicht man der Sklavin, die dem Toten folgen soll, eine Henne. Sie schneidet ihr den Kopf ab und wirft ihn fort.
- Saxo Grammaticus, um 1200: In den Gesta Danorum führt eine Frau König Hadding unter die Erde. Vor einer unüberwindlichen Mauer dreht sie einem Hahn den Kopf ab und wirft ihn hinüber. Sofort kommt er wieder zu Leben und kräht.
- Thietmar von Merseburg, um 1015: Er berichtet von dänischen Opfern, bei denen neben Menschen, Pferden und Hunden auch Hähne getötet wurden.
Der Übersetzer James Montgomery sieht in den Opfern bei Ibn Fadlan einen Weg, mit der Geisterwelt in Verbindung zu treten, und zitiert die Deutung, die getötete Henne stehe für neues Leben jenseits der Todesgrenze. Das Krähen eines Hahns markiert also in den nordischen Texten mehr als den Morgen. Dass Gullinkambi unmittelbar auf diese Vorstellungen zurückgeht, lässt sich nicht beweisen, reizvoll ist die Parallele aber: Saxos Hahn kräht jenseits der Mauer, Gullinkambi bei den Toten Odins, der dritte in Hel.
Was stimmt über Gullinkambi und was nicht?
| Behauptung | Stimmt das? |
|---|---|
| Der Name bedeutet „goldenes Wappen“ | Nein. Er bedeutet „goldener Kamm“. |
| Gullinkambi ist „goldhaarig“ | Nein. Ein Hahn hat Federn, und golden ist der Kamm. |
| Sein Krähen ist das Startsignal für Ragnarök | Nur teilweise. Es ist ein Vorzeichen, danach kommen Garm und Heimdalls Horn. |
| Der Hahn in Hel hat keinen Namen | Stimmt. Die Völuspá nennt ihn nur rußrot. |
| Snorri erzählt von Gullinkambi | Nein. In der Gylfaginning kommt er nicht vor. |
| Die Teppiche von Överhogdal zeigen sicher Gullinkambi | Nein. Das ist nur ein Deutungsvorschlag. |
Was bedeutet Gullinkambi heute?
Er steht vor allem für den letzten Weckruf, das Zeichen, dass es Zeit zum Aufstehen und Kämpfen ist. Diese Deutung stammt von heutigen Lesern, die Völuspá selbst legt sie nur nahe. Wer sich für Ragnarök interessiert, findet in den zwei Zeilen ein schönes Bild: Lange bevor die Schlacht beginnt, ist es ein kleiner Vogel, der sie hörbar macht.
Passenden Schmuck zur Götterwelt findest du unter Wikinger Halsketten und Wikinger Ringe.
Häufige Fragen zu Gullinkambi
Was bedeutet Gullinkambi?
Gullinkambi bedeutet goldener Kamm. Der Name setzt sich aus den altnordischen Wörtern für golden und Kamm zusammen und meint den Kamm des Hahns.
Wo wird Gullinkambi erwähnt?
Beim Namen nennt ihn nur die Völuspá in Strophe 43. Dort kräht er über den Asen und weckt die Helden bei Odin. Snorri Sturluson erwähnt ihn in der Gylfaginning nicht.
Welche Hähne krähen vor Ragnarök?
Laut Völuspá drei: der schön rote Fjalar im Galgwald, Gullinkambi bei den Asen und ein namenloser rußroter Hahn in den Hallen der Hel.
Ist Gullinkambi der Hahn von Walhall?
Im Grunde ja. Die Strophe sagt, er wecke die Helden beim Heervater, also bei Odin. Das Wort Walhall steht aber nicht in der Strophe, und ein genauer Sitzplatz wird nicht genannt.
Wer ist Salgofnir?
Salgofnir, wohl Saalkräher, ist ein Hahn aus dem Edda-Lied Helgakvida Hundingsbana II, der das Siegesvolk weckt. Viele Ausleger, darunter Henry Adams Bellows, setzen ihn mit Gullinkambi gleich.
Was haben Hähne mit dem Tod zu tun?
Ibn Fadlan berichtet von Hahn und Henne als Opfer bei einem Schiffsbegräbnis an der Wolga. Bei Saxo Grammaticus wirft eine Frau einen getöteten Hahn über die Mauer der Unterwelt, und er lebt wieder auf.
Quellen und weiterführende Links
- Völuspá, altnordischer Text (Strophen 16, 42 bis 46), heimskringla.no
- Helgakviða Hundingsbana II, Strophen 46 bis 51 mit Bellows' Anmerkung, voluspa.org
- Fjölsvinnsmál, altnordischer Text (Strophen 20, 23, 24), heimskringla.no
- Gylfaginning, altnordischer Text (Kapitel 39, 51), heimskringla.no
- Grímnismál, altnordischer Text (Strophen 25, 26), heimskringla.no
- Vafþrúðnismál, altnordischer Text (Strophe 41), heimskringla.no
- Ibn Fadlan und die Rus, Übersetzung und Anmerkungen von James E. Montgomery, voluspa.org
- Saxo Grammaticus, Danish History, Buch 1, Project Gutenberg
- Gullinkambi, englische Wikipedia
- Överhogdal tapestries, englische Wikipedia
Weiterlesen: Was ist das Valhalla? · Das Gjallarhorn · Garm, der Höllenhund

















