Nidhögg: Der Drache an der Wurzel von Yggdrasil
Das Wichtigste in Kürze
- Nidhögg (altnordisch Níðhöggr) ist ein Drache oder eine Schlange der nordischen Mythologie. Die Quellen benutzen beide Wörter.
- Er nagt von unten an der Wurzel von Yggdrasil, die über Niflheim steht.
- Das Eichhörnchen Ratatosk trägt gehässige Worte zwischen ihm und dem Adler in der Baumkrone hin und her.
- In der Völuspá saugt er an den Leichen von Eidbrechern, Mördern und Verführern.
- Eine Rolle in der Schlacht von Ragnarök gibt ihm keine Quelle. Viele Details im Netz sind moderne Erfindung.
Nidhögg ist in der nordischen Mythologie der Drache, der an der Wurzel des Weltenbaums Yggdrasil nagt und in der Unterwelt die Toten quält. Bekannt ist er vor allem aus zwei Eddaliedern und aus Snorri Sturlusons Prosa-Edda. Das sind nur wenige Zeilen. Gerade deshalb lohnt sich der genaue Blick: Hier liest du, was wirklich dort steht und was erst später dazuerfunden wurde.
Inhalt: Wer ist Nidhögg? · Der Name · Aussehen · An der Wurzel · Ratatosk und der Adler · Náströnd · Ragnarök · Alle Quellen · Faktencheck · Nidhögg heute · FAQ
Wer ist Nidhögg in der nordischen Mythologie?
Nidhögg ist ein schlangenartiger Drache, der tief unter dem Weltenbaum Yggdrasil lebt und dort an einer Wurzel frisst. Er gehört damit zu den Wesen, die den Baum ständig schädigen, wie die Hirsche in den Ästen und die vielen kleineren Schlangen an den Wurzeln.
Anders als Fenrir hat Nidhögg keine Familie und keine eigene Geschichte. Kein Text erzählt, woher er kommt oder wer ihn erschaffen hat, und er spricht kein einziges Wort. Er ist eher eine Kraft im Bild der Welt als eine Figur mit Abenteuern. In seiner Wortliste für Schlangen in der Skáldskaparmál führt Snorri ihn gleich neben Fafnir und Jörmungandr auf.

Was bedeutet der Name Nidhögg?
Der Name bedeutet ungefähr „der von unten Hauende“ oder „der Schmähhauer“, ganz sicher geklärt ist er aber nicht. Der zweite Teil höggr heißt klar „Hauer, Beißer“. Beim ersten Teil gibt es drei Deutungen:
- niðr, „abwärts“: der Beißer unten an den Wurzeln.
- níð, „Schmach, Schande“: ein Wort für den schwersten Ehrverlust in der Wikingerzeit. Die Philologin Ursula Dronke übersetzt deshalb „Malice Striker“.
- niða-, wie in den Niðafjöll: vielleicht mit dem dunklen Mond verwandt, also „der im Dunkeln Schlagende“.
Wenn du unterschiedliche Schreibweisen siehst: Nidhöggr, Nidhogg, Níðhöggr und Nidhöggur meinen alle dasselbe Wesen.
Wie sieht Nidhögg aus?
Die Quellen nennen ihn einen dunklen, fliegenden Drachen, eine schimmernde Natter mit Federn, mehr Aussehen beschreiben sie nicht. Das steht in der letzten Strophe der Völuspá mit den Wörtern dreki, „Drache“, und naðr, „Natter“. Seine Leichen trägt er dort í fjöðrum, in den Federn oder Schwingen.
Viele Webseiten schmücken das aus: viele Schwänze, Hörner auf dem Kopf, keine Hinterbeine, kleine Fledermausflügel. Davon findest du in den Eddas nichts. Solche Bilder stammen aus späterer Zeit, zum Beispiel aus Illustrationen wie der in einer isländischen Handschrift des 17. Jahrhunderts. Geflügelte Drachen sind in der germanischen Kunst vor dem 13. Jahrhundert selten, und ein gefiederter Drache wie in der Völuspá ist ungewöhnlich. Allgemeines zu den Fabeltieren findest du in unserem Artikel über Wikinger Drachen.

Drachen Kette Silber 925
Ein geflügelter Drache windet sich um einen blauen Stein, ganz wie die schimmernde Natter im Lied.
Kette ansehen →Was macht Nidhögg an den Wurzeln von Yggdrasil?
Nidhögg nagt von unten an der Wurzel von Yggdrasil, die über Niflheim steht und unter der die Quelle Hvergelmir liegt. So beschreibt es Snorri in der Gylfaginning, Kapitel 15. Von den drei Wurzeln reicht eine zu den Asen, eine zu den Reifriesen und die dritte eben nach Niflheim.
Das Eddalied Grímnismál beschreibt in Strophe 35 das Leiden des Baumes: Oben beißt ein Hirsch, an der Seite fault der Stamm, von unten reißt Nidhögg. Strophe 34 ergänzt, dass unter der Esche mehr Schlangen liegen, als sich ein Dummkopf denken kann, darunter Góin und Móin. Laut Snorri wimmelt es in Hvergelmir so sehr davon, dass keine Zunge sie zählen kann.

Dem entgegen stehen die Nornen: Sie nehmen laut Gylfaginning 16 jeden Tag Wasser aus dem Urdbrunnen und den Lehm darum und begießen damit die Esche, damit ihre Äste nicht faulen oder verdorren. Dass sie damit gezielt Nidhöggs Schäden heilen, steht dort nicht ausdrücklich. Das Bild passt aber gut: oben und unten nagt die Zeit, und jeden Tag wird nachgebessert.
Was hat Nidhögg mit Ratatosk und dem Adler zu tun?
Das Eichhörnchen Ratatosk läuft den Stamm auf und ab und überbringt Worte zwischen dem Adler im Wipfel und Nidhögg an der Wurzel. In der Grímnismál, Strophe 32, ist es nur ein Bote. Erst Snorri nennt die Botschaften in Gylfaginning 16 öfundarorð, also „Worte des Neides“.
Daraus machen moderne Texte gern einen Kampf von Gut gegen Böse, der den Baum im Gleichgewicht hält. Das ist eine schöne Deutung, sie steht aber in keiner Quelle. Der Adler wird nirgends gut genannt, sondern nur „vieles wissend“, und von einem Nutzen des Streits für das Wachstum ist auch keine Rede.
Warum frisst Nidhögg die Toten in Náströnd?
Nidhögg saugt an den Leichen, weil die Völuspá ihn als Teil der Strafe für die schlimmsten Verbrechen zeigt: Meineid, Mord und das Verführen fremder Ehefrauen. Die Seherin sieht in den Strophen 38 und 39 (Zählung je nach Ausgabe) einen Saal fern der Sonne an der Náströnd, dem „Leichenstrand“. Die Türen zeigen nach Norden, Gifttropfen fallen durch die Dachluken, und die Wände sind aus Schlangenrücken geflochten. Die Verurteilten waten durch schwere Ströme. Dort saugt Nidhögg an den Toten, und ein Wolf zerreißt die Männer.

Snorri erzählt das in Gylfaginning 52 leicht anders. Bei ihm blasen Schlangenköpfe das Gift in den Saal, und in den Giftflüssen waten Eidbrecher und Mörder. Dann fügt er hinzu, am schlimmsten sei es aber in Hvergelmir, und zitiert die Zeile: Dort quält Nidhögg die Toten. Aus dem Saugen der Völuspá wird also ein Quälen, und der Ort wechselt von der Náströnd zur Quelle unter der Wurzel. Auf diesen Unterschied kommst du nur beim direkten Vergleich der beiden Texte.
Die Liste der Vergehen zeigt gut, was in den Augen des Dichters schwer wog. Mehr zu den Totenreichen liest du im Artikel über die Göttin Hel.
Welche Rolle spielt Nidhögg beim Ragnarök?
In der Schlacht von Ragnarök spielt Nidhögg keine Rolle, er taucht aber in der allerletzten Strophe der Völuspá auf. Nachdem die Welt untergegangen und eine neue, grüne Erde aufgestiegen ist, kommt der dunkle Drache von den Niðafjöll, den „dunklen Bergen“, geflogen. In den Federn trägt er Leichen. Dann endet das Lied mit dem Satz: „Nun wird sie versinken.“ Wer versinkt, ist umstritten: entweder die Seherin, die ihre Rede beendet, oder der Drache.

Die Deutung ist offen. Am häufigsten liest man die Strophe als düstere Warnung vor dem, was kommt. Andere sehen darin ein Bild der Erneuerung, bei dem der Drache seine Last abwirft. Ein Tod Nidhöggs wird nirgends erzählt, und Snorri beschreibt sein Quälen ausgerechnet im Kapitel über die Wohnorte nach Ragnarök. Sagen lässt sich also: Er überlebt offenbar, aber ausdrücklich steht das nicht da.
Frei erfunden sind dagegen Sätze wie „Ragnarök beginnt, wenn Nidhögg die Wurzeln durchgebissen hat“ oder „er führt die Riesen an“. Bei den Vorzeichen in der Völuspá zittert zwar die Esche, aber von Nidhögg ist an dieser Stelle keine Rede. Wer wirklich überlebt, liest du unter Wer überlebt das Ragnarök?
In welchen Quellen kommt Nidhögg vor?
Nidhögg kommt in den alten Texten nur an sehr wenigen Stellen vor, und die sind schnell aufgezählt:
| Text | Stelle | Was dort steht |
|---|---|---|
| Grímnismál | Str. 32 und 35 | Ratatosk trägt ihm die Worte des Adlers zu, er reißt den Baum von unten. |
| Völuspá | Str. 39 (je nach Ausgabe) | Er saugt an den Toten bei der Náströnd. |
| Völuspá | letzte Strophe | Dunkler Drache, fliegt mit Leichen in den Federn. |
| Gylfaginning | Kap. 15 und 16 | Nagt an der Wurzel über Niflheim, liegt mit vielen Schlangen in Hvergelmir. |
| Gylfaginning | Kap. 52 | Quält in Hvergelmir die Toten. |
| Skáldskaparmál | Namenslisten | Steht unter den Namen für Schlangen und auch unter den Schwertnamen. |

Drachen Armband Herren
Offener Armreif aus Kupfer, dessen Enden zwei Drachenköpfe bilden.
Armband ansehen →Was stimmt über Nidhögg und was nicht?
Über kaum ein Wesen kursieren so viele erfundene Details. Hier die häufigsten Behauptungen im Vergleich mit den Texten:
| Behauptung | Stimmt das? |
|---|---|
| Nidhögg nagt an einer Wurzel von Yggdrasil | Ja. Das sagen Grímnismál 35 und Gylfaginning 15. |
| Er löst Ragnarök aus, indem er die Wurzel durchbeißt | Nein. Das steht in keiner der Quellen. |
| Er führt die Riesen in die Schlacht | Nein. In den Schilderungen der Schlacht bei Snorri und in der Völuspá kommt Nidhögg gar nicht vor. |
| Er ist der Geliebte der Göttin Hel | Nein. Das erwähnen die Eddas nicht. |
| Der Kampf mit dem Adler lässt den Baum wachsen | Das ist eine moderne Deutung. Die Quellen sprechen nur von Worten des Neides. |
| Er überlebt das Weltende | Wahrscheinlich. Die letzte Strophe der Völuspá und Gylfaginning 52 legen es nahe, ausdrücklich gesagt wird es nicht. |
Wo begegnet dir Nidhögg heute?
Heute begegnet dir Nidhögg vor allem in Spielen und Manga. Am bekanntesten ist wohl das Spiel Nidhogg samt Nachfolger, in dem die Spieler darum kämpfen, vom Drachen verschlungen zu werden. In World of Warcraft: Legion heißt ein Sturmdrache Nithogg, und auch in Fire Emblem Heroes und im Manga One Piece taucht der Name auf.
Für Schmuck steht der Drache meist für Kraft und das Dunkle, das zur Welt gehört, was eine heutige Lesart ist. Passende Stücke findest du in unserer Kollektion Wikinger Halsketten und bei den Wikinger Armreifen. Einen Überblick über die Götter und Wesen gibt dir unser Artikel Nordische Mythologie.
Häufige Fragen zu Nidhögg
Wer ist Nidhögg?
Nidhögg ist ein Drache oder eine Schlange aus der nordischen Mythologie. Er nagt von unten an einer Wurzel des Weltenbaums Yggdrasil und quält in der Unterwelt die Toten.
Was frisst Nidhögg?
Er nagt an der Wurzel von Yggdrasil über Niflheim. Außerdem saugt er laut Völuspá an den Leichen von Meineidigen, Mördern und Verführern fremder Ehefrauen.
Wo lebt Nidhögg?
Laut Snorri liegt er mit vielen Schlangen in der Quelle Hvergelmir unter der Wurzel über Niflheim. In der Völuspá erscheint er bei der Náströnd und kommt zuletzt von den Niðafjöll geflogen.
Ist Nidhögg ein Drache oder eine Schlange?
Beides. Die letzte Strophe der Völuspá nennt ihn dreki, also Drache, und naðr, also Natter. Snorri führt ihn in einer Liste von Schlangennamen auf.
Überlebt Nidhögg das Ragnarök?
Vermutlich ja. Die Völuspá lässt ihn nach dem Untergang über die neue Welt fliegen, und ein Tod wird nirgends erzählt. Ausdrücklich steht es aber in keiner Quelle.
Was hat Ratatosk mit Nidhögg zu tun?
Das Eichhörnchen Ratatosk läuft den Stamm von Yggdrasil auf und ab und bringt Worte zwischen dem Adler im Wipfel und Nidhögg an der Wurzel hin und her. Snorri nennt sie Worte des Neides.
Quellen und weiterführende Literatur
- Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Gylfaginning, Kap. 15, 16 und 52 (altnordisch); Skáldskaparmál, Namenslisten.
- Lieder-Edda: Völuspá (Str. 38, 39 und 66 in dieser Ausgabe) und Grímnismál (Str. 32, 34 und 35).
- Benjamin Thorpe: The Elder Eddas of Saemund Sigfusson, englische Übersetzung.
- Nidhogg bei Wikipedia (Englisch), für Namensdeutung, Dronkes Übersetzung und moderne Spiele.
Weiterlesen: Yggdrasil, der Weltenbaum · Garm, der Höllenhund · Die neun Welten der nordischen Mythologie




















