Tyr, der Gott des Opfers in der nordischen Mythologie
Das Wichtigste in Kürze
- Tyr (altnordisch Týr) ist bei Snorri der kühnste Gott und hat große Macht über den Sieg in Schlachten.
- Er verlor seine rechte Hand, als Fenrir mit der Fessel Gleipnir gebunden wurde.
- Sein Name geht auf ein altes Wort für „Gott“ zurück. Vermutlich war er früher wichtiger als in den erhaltenen Texten.
- Bei Ragnarök töten sich Tyr und der Hund Garm gegenseitig.
- Die Tyr-Rune ist rechtlich heikel. Wir raten vom einzelnen Zeichen ab.
Tyr ist der Gott der nordischen Mythologie, der seine rechte Hand in das Maul des Wolfes Fenrir legte und sie verlor. Der Beiname „Gott des Opfers“ ist modern, trifft aber die bekannteste Szene. Über ihn ist erstaunlich wenig erhalten, und viel von dem, was heute im Netz steht, findest du in keiner Quelle: weder den „Gott der Gerechtigkeit“ noch seine Freundschaft mit dem jungen Wolf. Wir zeigen dir, was die Edda und andere Quellen wirklich sagen.
Inhalt: Wer ist Tyr? · Der Name · Die Hand · Gott des Opfers? · Weitere Stellen · Ragnarök · Kult und Funde · Die Rune · Faktencheck · Tyr heute · Häufige Fragen
Wer ist der Gott Tyr?

Tyr ist ein Gott aus dem Geschlecht der Asen, den Snorri als den kühnsten und mutigsten beschreibt. In der Gylfaginning (Kapitel 25) heißt es, er habe große Macht über den Sieg in Schlachten, und es sei gut, wenn tapfere Männer ihn anrufen. Daraus sind sogar Redensarten geworden: týhraustr, „tyr-kühn“, nennt man den, der alle anderen übertrifft und nicht zögert, und týspakr, „tyr-klug“, den Klügsten.
In den Skáldskaparmál stehen die dichterischen Umschreibungen für ihn: einhändiger Ase, Pflegevater des Wolfes, Kampfgott und Sohn Odins. Auffällig selten tritt er selbst auf. Wirklich handeln sehen wir ihn nur in der Geschichte mit Fenrir und in der Hymiskviða. Das unterscheidet ihn stark von Thor und Odin.
Was bedeutet der Name Tyr?
Der Name geht auf das urgermanische Tīwaz zurück, das schlicht „Gott“ bedeutet. Verwandt sind altenglisch Tīw und althochdeutsch Ziu. Das altnordische Wort tívar heißt immer noch „Götter“. Dass ein einzelner Gott so genannt wurde, ist einer der Gründe, warum viele Forscher vermuten, er sei früher deutlich bedeutender gewesen. Hermann Reichert meint, Odin müsse ihn von seiner führenden Stellung verdrängt haben. Das ist allerdings eine Vermutung über die Zeit lange vor den Wikingern. Auch die ältere Deutung als Himmelsgott wird heute von Teilen der Forschung abgelehnt.
Selbst in der Dichtung lebt das Wort weiter. Odin heißt etwa Hangatýr oder Farmatýr, wobei Týr hier einfach wie ein Wort für „Gott“ eingesetzt wird.
Wie verlor Tyr seine Hand?

Tyr verlor seine rechte Hand, weil er sie Fenrir als Pfand ins Maul legte und die Götter ihr Versprechen brachen. Die ausführliche Fassung steht in der Gylfaginning (Kapitel 34). Die Götter ziehen den Wolf bei sich auf, und nur Tyr hat den Mut, zu ihm zu gehen und ihn zu füttern. Der Wolf wächst jeden Tag, und alle Weissagungen kündigen Unheil an. Also schmieden die Götter zwei Fesseln, Læðingr und Drómi. Fenrir sprengt beide.
Nun schickt Allvater Freyrs Boten Skírnir zu Zwergen nach Svartalfheim. Sie fertigen Gleipnir aus sechs Dingen: dem Geräusch einer Katze, dem Bart einer Frau, den Wurzeln eines Berges, den Sehnen eines Bären, dem Atem eines Fisches und dem Speichel eines Vogels. Das Band sieht aus wie ein Seidenband. Genau das macht den Wolf misstrauisch.

Fenrir sagt: Wenn ihr mich so bindet, dass ich mich nicht lösen kann, wird es lange dauern, bis ich von euch Hilfe bekomme. Er lässt sich nur darauf ein, wenn einer von ihnen die Hand in sein Maul legt, zum Pfand, dass kein Betrug dabei ist. Die Asen sehen einander an, und keiner will die Hand hergeben, bis Tyr die rechte vorstreckt. Der Wolf stemmt sich gegen die Fessel, sie wird immer härter. Dann folgt der stärkste Satz der Szene: Þá hlógu allir nema Týr. Hann lét hönd sína. Da lachten alle außer Tyr. Er verlor seine Hand.
Die Stelle heißt seitdem úlfliðr, „Wolfsgelenk“, das altnordische Wort für das Handgelenk. Die Götter ziehen die Fessel durch einen Felsen, rammen einen zweiten Stein tief in die Erde und klemmen dem Wolf ein Schwert ins Maul. So liegt er bis Ragnarök.

Halskette mit Fenrir-Wolf
Der Wolf, der Tyr die Hand kostete, als Anhänger. Dieser hier beißt nicht.
Schmuckstück ansehen →Warum heißt Tyr der Gott des Opfers?

Weil er als Einziger eine Hand hergab, damit der Wolf gebunden werden konnte, doch der Titel selbst steht in keiner alten Quelle. Snorri bewertet die Tat anders: Sie ist für ihn ein Zeichen von djarfleikr, Kühnheit. Danach steht ein oft übersehener Halbsatz. Tyr sei einhändig ok ekki kallaðr sættir manna, also werde er nicht Versöhner der Menschen genannt.
Das ist die wichtigste Korrektur am Bild vom „Gott der Gerechtigkeit“. Die Szene ist nämlich auch ein gebrochenes Versprechen, und Tyr hat seine Hand dafür verpfändet. Dass er sich dafür schämte oder den Wolf bemitleidete, sagt kein Text. Die Aufteilung in Odin als Gott der Strategie, Thor als Gott der Kraft und Tyr als Gott der Gerechtigkeit im Krieg steht in keinem dieser Texte. Einen Hinweis auf Recht und Versammlung gibt es trotzdem, aber aus ganz anderer Richtung, wie du gleich siehst.
Was erzählen die anderen Quellen über Tyr?
Tyr taucht in der Lieder-Edda in drei Gedichten auf: Hymiskviða, Lokasenna und Sigrdrífumál. Jedes zeigt eine andere Seite.
| Quelle | Was dort steht |
|---|---|
| Hymiskviða, Strophen 4 bis 6 und 33 | Tyr rät Thor, den riesigen Kessel seines Vaters Hymir zu holen. Zweimal versucht er selbst, ihn zu bewegen, und schafft es nicht. |
| Lokasenna, Strophen 37 bis 40 | Tyr verteidigt Freyr. Loki verspottet die verlorene rechte Hand und behauptet, Tyrs Frau habe von ihm einen Sohn. Tyr kontert: Mir fehlt die Hand, dir der Wolf. |
| Sigrdrífumál, Strophe 6 | Siegrunen soll man auf dem Schwert einritzen und zweimal Tyr nennen. |
| Skáldskaparmál | Tyr sitzt unter den zwölf Asen beim Gastmahl für Ägir und gilt als Sohn Odins. |
Der Widerspruch bei der Abstammung lässt sich nicht auflösen. Sohn Odins und Sohn des Riesen Hymir stehen nebeneinander, und du wirst daher beide Angaben finden. Mehr über diese Sticheleien findest du bei Loki.
Wie stirbt Tyr bei Ragnarök?
Tyr und der Hund Garm töten sich bei Ragnarök gegenseitig. Die Gylfaginning (Kapitel 51) nennt Garm das schlimmste Geschöpf und sagt: Er kämpft gegen Tyr, ok verðr hvárr öðrum at bana, und jeder wird dem anderen zum Tod. Mehr steht dort nicht, und ein Duell mit Fenrir gibt es für Tyr nicht. Auf deutschen Seiten liest du manchmal, Garm verschlinge ihn. Das gibt der Text nicht her. Den Rest des Endkampfes erzählt der Artikel Was ist Ragnarök?.
Welche Spuren von Tyr gibt es außerhalb der Edda?
Die älteste Spur ist eine römische Inschrift, die wohl bekannteste ein Wochentag. Römische Autoren setzten ihn mit Mars gleich, so auch Tacitus. Am Hadrianswall fand man einen Altar aus dem 3. Jahrhundert, gestiftet von friesischen Soldaten, mit der Widmung Deo Marti Thincso. Dieser Mars Thingsus wird meist als Tyr gedeutet, und sein Beiname weist auf das Thing, die germanische Versammlung. Von dort stammt die Vermutung, Tyr habe etwas mit Recht zu tun.
Auch unser Dienstag gehört hierher. Das Wort geht auf Mars Thingsus zurück und übersetzt lateinisch dies Martis. Es verdrängte die alte Form Ziestag, und selbst das englische Tuesday steckt voller Tyr: altenglisch tīwesdæg, „Tag des Tiw“.
In der Archäologie wird es unsicherer. Ein Goldbrakteat aus Trollhättan zeigt eine Person, der ein Tier in die Hand beißt. Ein Hogback aus Sockburn in England und ein 2019 gefundener Silberknopf aus Hornsherred in Dänemark werden ähnlich gedeutet. Beschriftet ist keines dieser Stücke. Einen Tyr mit Schwert in der verbliebenen Hand, wie ihn viele moderne Bilder zeigen, kennen die alten Texte nicht.
Was ist mit der Tyr-Rune?
Die Rune Tiwaz, das T des Runenalphabets, trägt vermutlich Tyrs Namen, ist aber rechtlich heikel. Sie wurde im Nationalsozialismus verwendet, etwa bei einer SS-Freiwilligendivision und bei der Hitlerjugend. In Deutschland stufte das Oberlandesgericht Dresden sie laut einer Antwort des Bayerischen Landtags als Kennzeichen im Sinne von § 86a StGB ein. Erst die Kombination mit anderen Runen zu einem Fantasiezeichen machte die Verwendung in jenem Fall straffrei. In Österreich kann die Verwendung nach Angaben von Fairplay juristisch relevant sein.
Eine Rechtsberatung ersetzt dieser Hinweis nicht. Von der Rune als einzelnem Zeichen raten wir ab, und wir verlinken hier deshalb keinen Schmuck damit. Das historische Wissen zu den Schriftzeichen findest du unter Wikinger Runen und ihre Bedeutungen.
Was stimmt über Tyr und was nicht?
| Behauptung | Stimmt das? |
|---|---|
| Tyr ist der Gott der Gerechtigkeit | Nicht belegt. Snorri nennt ihn ausdrücklich nicht Versöhner. Der Bezug zum Thing ist eine Deutung von Mars Thingsus. |
| Tyr spielte gern mit dem jungen Fenrir | Davon steht nichts da. Er ist nur der Einzige, der sich traut, ihn zu füttern. |
| Fenrir tötet Tyr bei Ragnarök | Nein. Tyr und Garm töten sich gegenseitig. |
| Tyr ist sicher der Sohn Odins | Nein. Die Hymiskviða nennt Hymir seinen Vater. |
| Tyr war zur Wikingerzeit mächtiger als Odin | Nein. Die Vermutung betrifft die Zeit lange davor, und auch sie ist umstritten. |
| „Gott des Opfers“ ist ein alter Titel | Nein. In den Quellen steht er nicht. Snorri rühmt die Kühnheit. |
Was bedeutet Tyr heute?
Heute steht Tyr vor allem für Mut und dafür, einen Preis für die anderen zu zahlen. Das ist eine moderne Lesart der Szene, die der Text aber zulässt. In der Popkultur begegnet er dir etwa als Figur in den Spielen God of War und als Namensgeber der färöischen Band Týr. Gedanken zur Szene findest du in Lektionen, die wir von Tyr lernen können. Wer die Geschichte tragen möchte, greift am besten zum Wolf statt zur Rune. Mehr findest du in der Kollektion Wikinger Schmuck.

Fenrir Armreif mit zwei Wolfsköpfen
Zwei Wolfsköpfe am Handgelenk, also genau dort, wo Tyr seine Hand verlor.
Schmuckstück ansehen →Häufige Fragen zum Gott Tyr
Warum hat Tyr nur eine Hand?
Fenrir biss sie ihm ab. Der Wolf ließ sich die Fessel Gleipnir nur anlegen, wenn ein Gott als Pfand die Hand in sein Maul legte. Nur Tyr tat das. Als die Götter den Wolf nicht freiließen, biss er zu. So erzählt es die Gylfaginning.
Wofür ist Tyr der Gott?
Laut Snorri ist er der kühnste Gott und hat große Macht über den Sieg in Schlachten. Krieger sollen ihn anrufen. Römische Quellen setzen ihn mit Mars gleich. Eine Inschrift nennt Mars Thingsus, was auf einen Bezug zum Thing deutet.
Wer ist der Vater von Tyr?
Die Quellen widersprechen sich. In den Skáldskaparmál heißt er Sohn Odins, in der Hymiskviða nennt er selbst den Riesen Hymir seinen Vater. Eine Mutter nennt keine der beiden Stellen.
Wie stirbt Tyr bei Ragnarök?
Laut Gylfaginning kämpft er gegen den Hund Garm, und beide töten sich gegenseitig. Dass er von Fenrir getötet wird, steht dort nicht. Fenrir verschlingt Odin und wird von Vidar getötet.
Hat der Dienstag etwas mit Tyr zu tun?
Ja. Der Name Dienstag geht auf den latinisierten Gott Mars Thingsus zurück, der als Tyr gedeutet wird. Er ist eine Lehnübertragung von lateinisch dies Martis. Auch das englische Tuesday stammt von Tiw, dem altenglischen Namen desselben Gottes.
Ist die Tyr-Rune erlaubt?
Das kommt auf Form und Zusammenhang an. Die Tyr-Rune wurde im Nationalsozialismus verwendet. Das OLG Dresden stufte sie laut Bayerischem Landtag als Kennzeichen nach § 86a StGB ein, und in Österreich kann sie juristisch relevant sein. Das ist keine Rechtsberatung.
Quellen und weiterführende Links
- Gylfaginning, altnordischer Text (Kapitel 25, 34, 51), heimskringla.no
- Skáldskaparmál, altnordischer Text (Beinamen Tyrs, zwölf Asen), heimskringla.no
- Hymiskviða, altnordischer Text, heimskringla.no
- Lokasenna, altnordischer Text, heimskringla.no
- Sigrdrífumál, altnordischer Text (Strophe 6), heimskringla.no
- Týr, englische Wikipedia (Name, Mars Thingsus, Funde, Forschung)
- Dienstag, deutsche Wikipedia (Wortherkunft)
- Bayerischer Landtag, Drucksache 17/17184 (Tyr-Rune, OLG Dresden)
- Fairplay Österreich, Verbotene Symbole (Tiwaz)
Weiterlesen: Wer ist Fenrir? · Garm, der Höllenhund · Wer ist Odin?



















